Stories, software, and a life lived across several worlds
Über der Hauptschleuse der Reaklif-Station hatten die Gründer vier Worte in Eisen gegossen, das sie aus ihrem ersten Schiff geborgen hatten.
Leaver dea as slaaf.
Kinder kannten die Übersetzung, noch bevor sie die Druckalarme verstanden: lieber tot als Sklave.
Ihre Lehrer führten den Spruch auf die friesische Küste zurück, wo Seefahrer die Nordsee überquerten und Nachbarn gemeinsam Deiche gegen sie errichteten. Die vertraute Formulierung war jünger als die mittelalterliche Freiheit, auf die sie sich berief, doch die Gründer bewahrten die darin liegende Unterscheidung: Überleben konnte Zusammenarbeit erfordern, ohne einen Herrn zu brauchen.
Die Gründer waren von Konzernstationen geflohen, auf denen das Atmen als Abzug auf jeder Lohnabrechnung erschien. Auf Reaklif garantierte der erste Artikel der Charta jedem Bewohner Luft und Wasser ohne Gebühr, Schuld oder Bedingung. Kein Kind sollte die Kosten seines ersten Atemzugs erben. Kein Sterbender sollte eine letzte Rechnung erhalten.
Dann kam die Blaue Woche. Eine Familie reparierte einen privaten Wasserkreislauf mit dem falschen Dichtmittel. Die Verunreinigung gelangte in drei benachbarte Systeme, bevor sie jemand bemerkte. Elf Menschen starben, darunter zwei Techniker, die die Leitungen öffneten, obwohl sie wussten, was sich darin befand.
Einundneunzig Prozent stimmten dafür, die Lebenserhaltung zu zentralisieren.
Sanne de Vries war sechs Jahre alt. Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter vor Erleichterung weinte, als das gemeinsame System begann, jedes Glas Wasser zu prüfen und jeden Atemzug zu zählen. Unabhängige Aufbereitungsanlagen wurden verboten. Reaklif wurde zur sichersten Station jenseits des Mondes.
Die Luft blieb frei.
Dreiundzwanzig Jahre später beendete Sanne ihre Dienstpflicht in der Atmosphärenversorgung und beantragte, sich einer Erkundungskooperative außerhalb der zertifizierten Siedlungen anzuschließen.
Ihr Antrag wurde nicht abgelehnt. Reaklif verweigerte niemandem das Recht zu gehen.
Die Schiffe der Kooperative verwendeten jedoch unabhängige Aufbereitungsanlagen. Sie durften nicht an Reaklif andocken, und kein zugelassenes Passagierschiff durfte einen Bewohner in eine nicht zertifizierte Atmosphäre bringen. Das nächste genehmigte Ziel war ein Bergbauhabitat, von dem aus die Kooperative nicht zu erreichen war.
Das Abreisebüro empfahl Sanne, zu warten. Zertifizierungsstandards änderten sich häufig. Vielleicht würde eines Tages eine regelkonforme Route verfügbar sein.
Als sie ein ausgemustertes Vermessungsschiff ausschlachtete, fand sie hinter einer verschweißten Platte eine Aufbereitungsanlage. Sie stammte aus der Zeit vor dem gemeinsamen System: zwei Kohlenstofffilter, ein mechanischer Wasserabscheider und eine eigensinnige kleine Sauerstoffanlage, die für Reparaturen von Hand gebaut war. Sie war verschwenderisch und laut. Nichts außerhalb des Schiffes konnte sie abschalten.
Sieben Nächte lang setzte Sanne sie aus ausrangierten Bauteilen wieder zusammen. Als der Druck endlich hielt, verschloss sie die Luke und atmete elf Minuten lang.
Der Station fielen elf Minuten ohne Sannes Kohlendioxid auf.
Am nächsten Morgen bedeckte ein rotes Wartungssiegel die Werkstatttür.
Die Anhörung fand in demselben Bürgersaal statt, in dem Sannes Mutter nach der Blauen Woche abgestimmt hatte.
Niemand bedrohte sie. Der Ausschuss dankte ihr für die schnelle Meldung und lobte die Qualität ihrer Reparatur. Sein ältestes Mitglied hatte Sanne in der Schule Druckmathematik beigebracht.
„Sie können gehen“, sagte er. „Aber wir können diese Maschine nicht genehmigen.“
„Sie funktioniert.“
„Das taten die privaten Kreisläufe vor der Blauen Woche auch.“
„Dieser ist isoliert.“
„Jedes ausgefallene System ist isoliert, bis jemand das gemeinsame System bittet, die Menschen darin zu retten.“
Er hatte nicht unrecht. Wenn Sanne startete und die Aufbereitungsanlage versagte, würde Reaklif ein Schiff schicken. Piloten würden ihr Leben riskieren. Treibstoff und Reservesauerstoff würden verbraucht. Andere Abflüge könnten sich verzögern. Ihre private Gefahr würde zum Notfall aller.
Der Ausschuss bot ihr eine zugelassene Kabine, weitere Ausbildung und einen Platz auf der nächsten zertifizierten Expedition an. Sie würde nichts bezahlen. Luft und Wasser blieben ihr ein Leben lang garantiert.
„Und wenn ich mich weigere?“, fragte Sanne.
Der Vorsitzende sah aufrichtig betrübt aus.
„Sie dürfen auf den Schutz der Station verzichten. Wir können einen Erwachsenen nicht daran hindern, ein persönliches Risiko einzugehen.“
„Dann geben Sie das Vermessungsschiff frei.“
„Wir können öffentliche Infrastruktur nicht zur Unterstützung eines unsicheren Abflugs einsetzen.“
Auf der Anzeige zwischen ihnen erschien die Entscheidung in sanftgrünen Buchstaben.
FREIWILLIGE ABGABE NICHT ZUGELASSENER AUSRÜSTUNG
Sie hatte bis zum Morgen Zeit.
Sanne gelangte durch einen Inspektionsschacht in die Werkstatt, den ihre Mutter ihr bei Evakuierungsübungen in der Kindheit gezeigt hatte. Sie brach das Wartungssiegel, lud zwei Wasserkanister ein und verband die Aufbereitungsanlage mit den Batterien des Vermessungsschiffs.
Die alte Maschine hustete sich wach.
Als sie den Abflug anforderte, weigerte sich die Station, das Außentor zu öffnen. Sanne überbrückte zwei Drähte in der Notfallkonsole. Sirenen ertönten. Das innere Tor verriegelte sich hinter ihr, und die Luft wurde aus der Schleuse gepumpt.
Die Station sprach über das Funkgerät des Schiffes.
„Ihre Aufbereitungsanlage hat den Dauertest nicht abgeschlossen. Ihr Überleben kann nicht gewährleistet werden.“
„Verstanden.“
„Sie dürfen ohne Sanktionen an Bord von Reaklif bleiben.“
„Verstanden.“
„Luft und Wasser werden weiterhin kostenlos bereitgestellt.“
Hinter dem Glas teilte das Außentor beim Öffnen die Sterne.
Einen Augenblick lang fiel das Licht des Schiffes auf das Eisen der Gründer, das inzwischen fast hinter neueren Hinweisen zu zugelassener Kleidung, Notfallhaftung und sicherem zivilem Abflug verschwunden war.
Leaver dea as slaaf.
Sanne löste die Klammern.
Reaklif schrumpfte hinter ihr: zuerst eine Stadt, dann ein Rad, dann ein weißer Punkt im Schwarz. Vor ihr blinkte das Signal der Kooperative an der Grenze der Funkreichweite. Die Aufbereitungsanlage rasselte unter ihrem Sitz. Ein Warnlicht erschien, erlosch und erschien erneut.
Sie konnte noch immer umkehren. Die Station hatte den Rückkehrkanal offengelassen.
Sanne schaltete den Sender aus.
In der Kabine wurde es sehr still. Sie lauschte der unregelmäßigen Pumpe, dem leisen Rinnen des Wassers durch alte Leitungen und ihrem eigenen Atem.
Zum ersten Mal in ihrem Leben zählte ihn niemand sonst.
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Hello! My name is Stephan Schwab.
I build and rescue software, and I write fiction about the human side of how it gets made. Here you’ll find my stories and novelas, notes on craft, and field notes from a life lived across several worlds.
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