Stories, software, and a life lived across several worlds
Elena war zweiundzwanzig, und jedes Jahr ihres Lebens bis zu ihrem achtundsiebzigsten Lebensjahr war bereits festgelegt.
Jeden Morgen um sechs Uhr fünfundvierzig erklang einmal der Wohnungsgong — ein runder, höflicher Ton, als dürfe selbst das Aufwachen keinen Schrecken bereiten. Elena griff nach dem Telefon auf dem staatlich genormten Nachttisch. Der Bildschirm zeigte keine Eilmeldungen, keine dringenden Nachrichten. Nur das nationale Harmoniezeichen und ihren persönlichen Gewissheitsindex: 41.8%.
Die Zahl sollte keine Note sein. Sie war ein Versprechen, eines von denen, bei denen Erwachsene die Stimme senkten. Schule, die Prüfung der staatsbürgerlichen Eignung, zwei Jahre im Vorbereitungspool des Städtischen Katasteramts: Mit jedem gehorsamen Schritt färbte sich ein weiterer Teil ihrer Zukunft grün. Wenn sie im nächsten Monat die Stelle am Aufnahmeschalter annahm, würde der Index über Nacht auf sechzig Prozent springen. Mit dreißig auf fünfundsiebzig. Mit fünfzig auf neunundneunzig. Ein ganzes Leben in Dezimalstellen verwandelt, bevor sie auch nur einen einzigen Morgen selbst gestaltet hatte.
Um sie herum richteten vier Millionen junge Menschen ihr Leben nach dieser Zahl aus. In den Pendlerbahnen verglichen sie mit stillen, zufriedenen Lächeln ihre Nachkommastellen. Niemand hungerte. Niemand schlief auf dem Bürgersteig. Die Wohnungen waren im November warm und im Juli kühl, auch wenn das heiße Wasser drei Minuten brauchte, um klar zu werden, und die Heizkörper mit einem tiefen metallischen Summen vibrierten, das nie ganz verstummte.
Elena trat ans Fenster. Auf der anderen Seite des Hofs leuchteten Hunderte identischer Küchenfenster in demselben blassen Gelb. Menschen kochten die genormte Zichorienmischung auf und strichen subventionierte Butter auf graues Brot.
Kein Tyrann hing an der Wand, keine Lieferwagen der Geheimpolizei warteten an den Straßenecken. Es gab nur den großen, reibungslosen Konsens: Das Leben war eine gefährliche Maschine, und der Staat hatte freundlicherweise alle Kanten gepolstert.
Sie blickte auf ihre Hände auf dem kalten Fenstersims. Unter der Haut schlug ihr Puls schnell — das Einzige im Hof, das sich weigerte, mit dem Gebäude Schritt zu halten.
Bis Sonntag hatte Elena sich beinahe eingeredet, der unruhige Puls bedeute nichts. Dann versammelte sich ihre Familie in der Wohnung ihrer Tante, um ihren Cousin Jonas zu feiern. Er hatte getan, wozu jeder gute Sohn erzogen wurde: Er hatte seine Anstellung auf Lebenszeit als Juniorregistrator im Amt für Maße und Gewichte erhalten.
Auf dem Tisch lag eine saubere Wachstuchdecke. Es gab Schüsseln mit Salzkohl, gekochte Kartoffeln und zwei Flaschen regionalen Cidre, der leicht nach süßem Essig schmeckte.
„Zweiundvierzig Jahre garantiertes Wohnrecht in Sektor Vier“, sagte Jonas’ Vater und klopfte mit der Gabel gegen sein Glas. Seine Augen glänzten vor aufrichtiger Dankbarkeit. „Gesundheitsversorgung der Stufe zwei. In zwanzig Jahren ein Eckbalkon.“
„Das hast du gut gemacht, Jonas“, sagte ihre Mutter leise. „Echter Frieden. Keine Überraschungen.“
Jonas strahlte. Die Erleichterung löste seine Schultern, bis er jünger wirkte, fast jungenhaft. Sie war so unverstellt und aufrichtig, dass Elena sich dafür schämte, sie ihm übel zu nehmen.
Dann wandte sich ihre Tante Elena zu. Der Raum wurde sanfter. Die Lächeln verschwanden nicht; sie wurden zärtlich, besorgt und unerträglich.
„Elena, Liebes“, murmelte ihre Tante. „Die Anmeldefrist endet am Freitag. Du hast dein Wunschformular noch nicht bestätigt.“
„Ich dachte daran, noch zu warten“, sagte Elena. Sie hielt ihre Stimme ruhig, doch das anschließende Schweigen wog wie nasse Wolle. „Ein Jahr. Vielleicht vorübergehend im Bahndepot arbeiten.“
Ihre Mutter wurde nicht laut. Das wäre leichter gewesen. Stattdessen legte sie eine warme, trockene Hand auf Elenas Knöchel.
„Warum willst du es dir so schwer machen, Elena?“, fragte ihre Mutter, die Stimme zitternd vor reinem, selbstlosem Mitleid. „Du hast gute Noten. Du kannst drinnen an einem Schreibtisch arbeiten. Warum willst du Reibung?“
Elena sah in die Runde. In jedem Gesicht lagen Liebe und völliges Unverständnis. Sie wollten sie nicht einsperren. Sie wollten sie vor einem Abgrund retten, den offenbar nur sie nicht sehen konnte.
Das war das Schlimmste. Sie liebte sie ebenfalls.
Das Schweigen vom Abendessen folgte Elena nach Hause und legte sich neben sie ins Bett.
Der Algorithmus hasste Schönheit nicht. Er bevorzugte lediglich die Art von Schönheit, die von niemandem etwas verlangte.
Sie lag wach im Dunkeln und wischte durch den Feed. Der nationale Strom trug sie auf Pastelltönen davon: zwanzigsekündige Clips von städtischen Gärten, zertifizierte Rezepte für Linseneintopf, sanfte Atemübungen mit beruhigenden synthetischen Stimmen und Lehrfilme darüber, wie man staatlich ausgegebene Steuerbelege richtig faltete.
Er sollte den Herzschlag senken. Er sollte den Schlaf unvermeidlich machen.
Dann, um drei Uhr siebzehn am Morgen, geriet der Feed aus dem Takt.
Ein Video erschien ohne städtisches Wasserzeichen. Als Erstes traf sie die Wucht der Farben: hartes weißes Licht, schwarzes Fett, braunes Leder. Unter einer summenden Leuchtstoffröhre zitterte eine Handkamera in einem Schuppen, dessen Wände aus ungedämmtem Wellblech zu bestehen schienen.
Ein junger Mann mit einem Fettfleck auf der Wange stand über einer umgebauten Nähmaschine. Er sprach nicht über Stabilität. Seine Stimme war schnell, rau und lebendig.
„Sie sagen euch, der Faden reißt, weil die Spannung vom Code vorgegeben wird“, sagte er und hielt einen schweren Lederstiefel mit unregelmäßigen, doppelt verstärkten Messingnähten hoch. „Der Faden reißt, weil seit dreißig Jahren niemand mehr eine Nadel mit den eigenen Fingern berührt hat. Ich habe diese Woche zwölf Paar davon gemacht. Hinter dem Kohledepot habe ich jedes Paar für sechs Silbertoken verkauft. Ihr wollt Stiefel, die zehn Winter halten? Dann baut sie selbst.“
Neunzehn Sekunden. Mehr war es nicht.
Elena starrte auf den Bildschirm, das Herz hämmernd, als hätte man sie bei etwas ertappt. Die Augen des Mannes waren vor Erschöpfung blutunterlaufen, doch in ihnen lag eine elektrische, gefährliche Klarheit, die sie in keinem Registraturbüro je gesehen hatte. Er hatte etwas Echtes hergestellt. Jemand hatte es haben wollen. Sie hatten sich gegenübergestanden und sich darüber geeinigt, was es wert war.
Der Aufrufzähler in der unteren Ecke drehte sich wie ein Stromzähler: achttausend, zweiundzwanzigtausend, einundfünfzigtausend.
Sechs Minuten lang war Elena nicht allein.
Elena tippte auf das Profilsymbol, bevor sie sich selbst davon abbringen konnte. Der Benutzername bestand aus einer zufälligen Zahlenfolge: user_992014_raw. Drei weitere Clips warteten dort: einer erklärte, wie sich ausrangierte städtische Gerüste zu Fahrradrahmen verschweißen ließen, ein anderer zeigte, wie man Sauerteig ohne staatlich genehmigte Starterkulturen ansetzte, und ein dritter berechnete Gewinnspannen für handgemahlene Senfkörner.
Nichts davon war verboten. Nicht ausdrücklich. Ein Mensch durfte einen Stiefel nähen oder Senf mahlen. Doch alle kannten den Abstand zwischen legal und sicher. Diese Leute waren unkoordiniert. Sie legten ihre eigenen Preise fest. Sie gaben Versprechen, die kein Amt genehmigt hatte, und vertrauten darauf, dass Fremde sie hielten.
Die Kommentare liefen schneller vorbei, als Elena lesen konnte:
—Wo ist die Werkstatt?
—Ist das erlaubt?
—Wie hast du den Wert der Token berechnet?
—Mein Großvater hatte solche Stiefel. —Lösch das, bevor es deinem Index schadet.
Sie drückte auf Speichern. Die App antwortete mit demselben sanften Ton, der sie jeden Morgen weckte.
Dann aktualisierte sie die Seite.
Ein kleiner runder Ladekreis vollführte zwei perfekte Umdrehungen vor dem schwarzen Hintergrund. Dann war der Mann verschwunden. Das Profil zeigte einen blassblauen Hinweis: „Dieser Inhalt wurde zur Wahrung des Harmonie-Grundniveaus stillgelegt.“
An seiner Stelle spielte der Algorithmus ein dreiminütiges Video ab, in dem eine höfliche Frau mit beigefarbener Strickjacke erklärte, wie Topffarne auf einem Wohnungsbalkon angeordnet werden mussten, um am Nachmittag möglichst viel Schatten zu spenden.
Keine Sirene erklang auf der Straße. Niemand trat eine Tür ein. Das System brauchte keine Wut; es glättete einfach das Wasser, bis keine Welle mehr blieb. Sechs Minuten lang hatte das Feuer gebrannt, und nun war das Zimmer wieder behaglich grau.
Elena saß im Dunkeln, den Daumen auf die Stelle gedrückt, an der das Speichersymbol gewesen war.
Elena schlief nicht. Um vier Uhr ging sie durch das Zimmer und öffnete den Kleiderschrank.
Hinter ihren staatlich genormten grauen Wintermänteln stand eine flache Zigarrenkiste aus Zedernholz, die sie drei Jahre zuvor in einem verlassenen Bahnschuppen gefunden hatte. Darin lagen eine Juwelierzange aus Messing, vier winzige Schraubendreher und sechs mechanische Armbanduhren mit gesprungenem Glas und verrosteten Unruhen.
Der Staat hielt die Zeit vollkommen. Alle zwölf Minuten verneigte sich jede Uhr vor dem zentralen Funkturm, damit kein Büro von einem anderen auch nur um eine Viertelsekunde abwich. Mechanische Uhren waren nutzlose Gegenstände — laut, ungenau und anfällig für menschliche Fehler.
Genau diese Nutzlosigkeit liebte sie.
Elena nahm den kleinsten Schraubendreher.
Seit acht Monaten setzte sie die Uhren wieder instand. Sie zog winzige Spiralfedern aus alten Küchentimern und schliff mit einer Diamantnagelfeile Ersatzzähne aus Messing. Wenn ein Uhrwerk fertig war, tauschte sie es bei einem alten Mann ein, der im Keller neben dem Heizungsraum lebte. Er war ein pensionierter Straßenbahnfahrer, und für jede Uhr, die tickte, gab er ihr zwei Pfund echte Trockenäpfel und ein Glas selbst gemachtes Walnussöl.
Es ging nicht um die Äpfel. Es ging um das Gewicht des Tauschs.
Wenn der alte Mann ihr das Glas reichte, gab es kein Formular abzustempeln, keinen Vorgesetzten zu benachrichtigen und keinen Rentenindex zu aktualisieren. Er hielt sich die Uhr ans Ohr und lächelte. Elena trug das Öl nach oben. Nichts war garantiert gewesen, und beide hatten ihr Wort gehalten.
Mit dem kalten Messingzahnrad zwischen den Fingerspitzen spürte Elena, wie ihr Puls schneller wurde. Es war, als hätte die winzige Maschine in ihr jenen Rhythmus gefunden, den die Stadt nicht zum Schweigen bringen konnte.
Bevor sie die Kiste schloss, legte sie eine funktionierende Uhr beiseite.
Am Freitagmorgen trug Elena die Uhr unter ihrem Mantelärmel. Ihr leises Ticken folgte ihr durch eine Stadt, die unter einem silbernen Himmel wie ausgewaschen dalag.
Der große Platz vor dem Aufnahmegebäude war voller junger Absolventinnen und Absolventen. Sie standen in sauberen, ordentlichen Reihen zwischen verchromten Absperrpfosten und hielten ihre blauen Zuteilungsscheine an die Brust. Die Luft roch nach sauberem Regen, feuchter Wolle und Bohnerwachs.
Alle paar Sekunden erklang über den Messingtüren eine Glocke, und die Schlange rückte in vollkommenem Gleichklang fünfzehn Zentimeter vor.
Elena stand an Position siebenundvierzig. An ihrem Handgelenk ging die Uhr in jeder Stunde fast vier Sekunden vor. In ihrer Tasche vibrierte das Telefon mit einer sanften, ermutigenden Erinnerung: „Ihr Gewissheitsindex erreicht bei der Anmeldung 60.0%.“
Der Junge vor ihr war neunzehn. Er hatte frisch geschnittenes Haar und blank polierte Schuhe. Er trug den friedlichen Ausdruck eines Menschen, dem gerade gesagt worden war, er müsse die nächsten fünfzig Jahre nicht fürchten. Elena verstand diese Erleichterung. Gerade deshalb tat sie weh.
Elena blickte an ihm vorbei durch die hohen Glastüren des Gebäudes. Drinnen saßen Reihen von Sachbearbeitern hinter Doppelglas und stempelten mit rhythmischen, gedämpften Schlägen ihre Scheine. Das Licht dort war warm, gelb und vollkommen still.
Elena spürte den blauen Schein zwischen ihren Fingern. Unter ihrem Daumen waren die Kanten weich geworden. Beim Frühstück hatte ihre Mutter ihn ihr in die Hand gedrückt, sie auf die Stirn geküsst und eine Sekunde zu lange festgehalten.
Die Glocke erklang erneut. Der Junge vor ihr trat einen Schritt vor.
Elena blieb stehen.
Sie trat nach links, löste das Samtseil aus dem Pfosten und duckte sich darunter hindurch.
Ein Aufseher mit Klemmbrett sah auf; seine Stirn legte sich in mild besorgte Falten. „Junge Frau? Der Eingang ist geradeaus. Sie verlieren Ihren Platz in der Reihenfolge.“
„Ich weiß“, sagte Elena.
Sie rannte nicht. Rennen hätte wie Panik ausgesehen, und sie hatte keine Panik. Sie kehrte den Messingtüren den Rücken zu, ging über den nassen Steinplatz und bog in die schmale, ungepflasterte Gasse ein, wo die alten Lieferwagen parkten und der Geruch von heißem Metall und Diesel schwer in der feuchten Luft hing.
In ihrer Tasche erklang das Telefon, während der Gewissheitsindex gegen null fiel — in eine Zukunft, die der Bildschirm nicht mehr beschreiben konnte.
Hinter ihr erklang das Telefon immer wieder. An ihrem Handgelenk tickte die Uhr weiter.
Der eine Klang zählte, was sie verlor. Der andere zählte nichts als die Sekunden, die ihr gehörten.
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Hello! My name is Stephan Schwab.
I build and rescue software, and I write fiction about the human side of how it gets made. Here you’ll find my stories and novelas, notes on craft, and field notes from a life lived across several worlds.
Working with software teams is what I do professionally — see how on caimito.net. You can also read about my experience since 1986.
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